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14. Juni Air India. Es ist kurz nach
4 Uhr nachts, und wir starten von unserer Zwischenlandung
in Delhi nach Bombay, dem Ausgangspunkt
unserer Indienreise. Einen groben Reiseplan
haben wir bereits. Es soll vor allem eine Reise werden,
die uns das Land näher bringt, die Kultur,
die Mentalität und das Leben der
Menschen. Für dieses Vorhaben bleiben uns 23
Tage Zeit.In Bombay angekommen,
erklärt uns ein mitgereister Inder überraschend,
daß der erwartete Monsunregen im Süden
des Landes noch nicht ausgebrochen sei. Wir ändern
kurzentschlossen unsere Pläne und wollen noch
am gleichen Tag nach Süden weiter fliegen. Zuvor
müssen wir allerdings vom “International Airport”
zum “National Airport” kommen, womit das erste Abenteuer
beginnt:
Kaum haben wir das Flughafengebäude verlassen,
da stürmt auch schon eine Schar von Taxifahrern auf
uns zu. Sie reden laut auf uns ein, wollen uns das
Gepäck aus der Hand nehmen und fragen uns
unentwegt nach unserem Ziel; "come with me...I
know good hotel, my friend!". Uns ist das nicht
ganz geheuer, und so beschließen wir, mit dem
Bus zu fahren.
Es ist erst 6°° Uhr morgens, und trotzdem
ist die Luft drückend heiß. Um unsere Beine
herum schwirren schon die ersten Mosquitos, was in
uns instinktiv den Gedanken an Malaria aufkommen läßt.
Es hat wohl geregnet, und es riecht jetzt überall
nach Gammel oder Moder. Bald wird uns auch der Grund
klar: auf dem Weg zum National Airport fahren wir
durch einen der größten Slums von ganz
Asien. Am Straßenrand
liegen Menschenleichen und tote Hunde, und rechts
und links von uns gibt es eine scheinbar unendliche
Weite an vermoderten Blech-, Stoff- und Holzhütten.
Überall bedeckt eine stinkende Masse aus Schlamm
und Abfall die Straßen.
Ist
das Indien? Ist es das, was die nächsten Wochen auf uns zukommt? Sicher, uns war
klar, daß wir Elend sehen werden;
aber das, was wir hier erleben, verschlägt uns
die Sprache. Dies hier ist mit Abstand das schlimmste
Elend, das ich je gesehen habe. Es zeigt gleichzeitig,
in welchem ungeheuren Reichtum und mit welcher selbstverständlichen
Sicherheit wir in Deutschland leben. Und man wird sich
dessen erst so richtig bewußt, wenn man dem übermächtigen
Elend hier mit völliger Ohnmacht gegenübersteht.
Bangalore
Wir fliegen also noch am gleichen Tag nach Bangalore weiter,
und zu unserer Beruhigung sieht Indien hier schon ganz
anders aus. Unser englischsprachige Reiseführer,
für Indien wahrscheinlich der beste auf dem Markt,
empfiehlt eine Reihe von Mittelklasse-Hotels. Wir wählen
eines aus und bitten eine Motor-Rickshaw, uns dorthin
zu fahren. Für 600 Rs. (30 DM; 1DM = 20 Rs) bekommen
wir ein sauberes Doppelzimmer mit Air Condition. Erschöpft
von der Reise und den bisherigen Eindrücken, ruhen
wir uns erst einmal aus. Gegen Nachmittag erkunden wir
die Stadt und schicken in einem Internet-Café
ein paar e-mails nach Deutschland, um unsere Ankunft
zu bestätigen. Unsere Reise beginnt.
Bangalore ist eine Industriestadt. Man redet auch vom
zweiten Silicon Valley der Welt, wobei
hier fast doppelt so viele Programmierer beschäftigt
sind, wie in Kalifornien. Zu besichtigen gibt es allerdings
wenig. So nutzen wir die kommenden Tage, um unsere
Indien-Route
neu zu planen und uns ein wenig zu akklimatisieren.
Madurai
Unser nächstes Ziel ist weiter
im Süden: wir wollen mit dem Nachtbus nach Madurai fahren.
Abfahrtsort ist der Busbahnhof von Bangalore, ein Platz,
auf dem nach unserer Schätzung weit
über 200 Busse stehen. Von diesen steht aber nur
bei wenigen die Destination angeschrieben, und so kostet
es uns eine geschlagene Stunde, bis wir schließlich
den richtigen Bus nach Madurai finden.
Unsere Fahrt dauert neun Stunden, wobei alle zwei Stunden
angehalten wird. Dann aber reißen die Fahrgäste
die Fenster auf, räuspern sich und spucken was
das Zeug hält. Je lauter, desto gründlicher.
Hier wird auch ganz ungeniert gerülpst, was uns,
wenn ich ehrlich bin, sehr amüsiert. Unklar ist
allerdings, wie der Busfahrer den Bus unbeschädigt
durch die Straßen bringt. Alle zwei Minuten wird
gehupt, und wenn entgegen-kommende Autos ein Licht besitzen,
dann blenden sie so stark, daß man unwillkürlich
langsamer fahren müßte; aber von wegen! Nun,
wir legen uns besser schlafen und denken nicht weiter
darüber nach. In Madurai angekommen fahren wir
zum ersten mal mit einer Fahrrad-Rickshaw. Es ist schon
ein seltsames Gefühl, den Fahrer "strampeln"
zu sehen, während man hinten ruhig da sitzt. Uns
gehen viele Gedanken durch den Kopf; wir müssen
uns an Indien wohl erst gewöhnen.
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Wir
befinden uns in der zweitgrößten
Stadt des Bundesstaates Tamil Nadu. Wichtigster
Punkt dieser Stadt ist wohl der Sri Meenakshi Tempel.
Er wurde 1623 erbaut, und täglich besuchen ihn
angeblich über 10.000 Besucher und Pilger. Vermutlich
ist derzeit keine Saison, denn mehr als 500 Menschen
sind heute wohl kaum hier. Mit seiner 1.000-Säulen
Halle und seinen – mit unzähligen Figuren verzierten
– neun Turmdächern, ist der Tempel sehr beeindruckend.
Leider haben wir als Nicht-Hindu keinen Zugang zum “Innersten
Heiligtum”. Erst später machen wir die Erfahrung,
daß man auch diese Stellen zu sehen bekommt –
allerdings wird man für diese Gefälligkeit
anschließend ordentlich zur Kasse gebeten.
Am nächsten Tag wollen wir den Sonnenaufgang über
dem Sri-Meenakshi-Tempel sehen. Wir
haben Glück. Ein Hotel gestattet uns, vom Dach
aus Aufnahmen zu machen. Nach diesen beeindruckenden
Bildern reisen
wir mit einer indischen Gruppe in das 120 km entfernte Kodaikanal,
das etwa 2.500 Meter hoch liegt und unserer Vegetation
in Deutschland sehr ähnelt.
Hier kann man Tiermuseen seltener Arten besuchen, Aussichten
genießen oder sich ein Ruderboot mieten. Der
Ort ist sehr touristisch organisiert, und so sind wir
froh,
als wir abends wieder in Madurai ankommen.
Madras
Als wir am kommenden Morgen zum
Flughafen fahren, erklärt man uns, daß die
Maschine nach Madras erst um 1700 Uhr
fliegen würde. Da wir unsere Rucksäcke nicht
am Flughafen lassen können, entschließen
wir uns zu einem Fußmarsch, um die Gegend zu erkunden.
Wir befinden uns eine gute halbe Autostunde von Madurai
entfernt in der Steppe. Ein hoher Fels in der Gegend
zeigt uns ein Ziel für unsere Wanderung. Dabei
stellt sich bald heraus, daß unsere Schätzung
von 3 km auf gute 10 km Entfernung korrigiert werden
muß. Dennoch, der Weg lohnt sich. Zum ersten mal
fernab vom Tourismus treffen wir auf Menschen aus Dörfern.
Sie sind anfangs eher mißtrauisch, doch nach wenigen
Minuten kommen Kinder hervor und begrüßen
uns. Es dauert nicht lange, bis das ganze Dorf versammelt
ist, und wir werden kaum noch losgelassen. Autos können
hier keine fahren, und das erscheint uns angenehm. Allerdings
ist unser Rückweg so beschwerlich, daß ich
einen Sonnenstich bekomme. Unser Wasser reicht nicht
mehr aus, und die letzten zwei km schwitze und friere
ich gleichzeitig bei 45 Grad im Schatten. Ich glaube,
daß ich in meinem Leben noch nie so durstig war.
Eine Abkürzung verhindert schließlich das
Schlimmste. Am Flughafen angekommen, hat unser Flug
weitere 4 Stunden Verspätung, und so können
wir noch einen einmalig schönen Sonnenuntergang
über der freien Savanne erleben.
Die Indian Airlines bereitet uns kein
Vergnügen. Nicht, daß die Piloten irgendwie
anders fliegen als bei uns, oder daß unter dem
Sitz die Schwimmweste fehlt. Nein, vielmehr hat inzwischen
der Monsun eingesetzt, der sehr starke Turbulenzen hervorruft.
Makaber ist auch, daß wir bei drei der folgenden
Flüge im Flugzeug lesen, daß am Tag zuvor
gerade eine Maschine abgestürzt ist. Unsere Airline
soll aber noch zu den sichereren zählen--.
Madras vermittelt
uns als erste Stadt den Eindruck einer Großstadt.
Überall sieht man Hochhäuser, Hotels, Geschäfte,
große und breite Straßen. Als viert größte
Stadt Indiens hat Madras fast 6 Mio. Einwohner. Dabei
wird im Reiseführer angemerkt, daß man bei
allen Angaben fast das Doppelte veranschlagen kann.
In Madras mieten wir uns einen Wagen.
Nein, ganz richtig ist das nicht: Autos darf
man nämlich nicht einfach selbst fahren. Einen
Chauffeur muß man schon dazu mieten. Erstaunlich
ist allerdings der Preis: für 200 km, Benzin und
Chauffeur bezahlen wir gerade mal 1.000 Rs. Unsere Tour
führt uns nach Süden, ins 60 km entfernte
Kanchipuram und nach Mamallapuram, zwei Tempelorte von
außerordentlicher Bedeutung. Ausgesprochen werden
diese Orte, als hätten sie keine Vokale – eben
“indglisch”, was wir eigentlich nur mit zunehmender
Gewöhnung verstehen.
Kanchipuram zählt zu den Sieben Heiligen
Städten Indiens und hat heute noch über 150
Tempelanlagen. Wir schauen uns den Sri Ekambaranthar
Tempel an, der Shiva - dem Gott der Zerstörung
- geweiht ist. Hierher kommen Pilger aus ganz Indien,
um ihm Opfergaben zu bringen und sich zu reinigen.
Sie
waschen sich und ihre Kleider im Tempelbecken, als
Zeichen der Reinheit scheren sich einige sogar ihren
Kopf.
Nach einer Stunde fahren wir weiter nach Mamallapuram.
Inmitten vieler Palmen, besitzt dieser Ort noch fast
70 – mit feinen Skulpturen bearbeitete – Monolithen.
Für heute haben wir genug Tempelanlagen gesehen,
und zum großen Erstaunen unseres Fahrers bitten
wir ihn, uns für ein paar Stunden an den Strand
zu fahren.
Goa
Ein Hotel lädt uns ein, den
fast menschenleeren Strand zu benutzen, und so verbringen
wir den Rest des Tages mit Wasser, Sand und Einheimischen.
Eine richtige Erholung nach den vielen Eindrücken
der letzten Tage.
Unser nächstes Ziel ist Goa. Die
ehemalig portugiesische Kolonie liegt an der Westküste
Indiens, und man sagt, hier gäbe es die schönsten
Strände. Auch uns erscheint der Strand schöner
als der, den wir zuvor bei Madras kennengelernt haben.
Andererseits ist die See hier durch den Monsun so stark
aufgewühlt, daß das Baden wegen der hohen
Wellen gefährlich wird.
Wir mieten uns eine Vespa und
fahren landeinwärts. Hier haben wir an den
kommenden Tagen Glück mit dem Wetter und erleben
eine exotisch abwechslungsreiche Landschaft. Neben
Viehherden,
Reisfeldern und Anglern sehen wir auch wilde Tiere
wie Schlangen und Affen. In
einem Dorf werden wir sogar von einem Einheimischen
nach Hause eingeladen.
Die Inder fahren für unseren Geschmack recht chaotisch.
Obwohl wir uns im Klaren darüber sind und unser
Reiseführer davor warnt, habe ich nach 70 km Fahrt
einen Unfall. Glück im Unglück: Die rechte
Schulter ist nur leicht aufgerissen, und meine Hände
haben ein paar Schürfwunden. Im Dorf ist man sichtlich
besorgt aber sofort hilfsbereit. Von den zusammengekommenen
Dorfbewohnern gibt mir die Besitzerin eines Alkoholgeschäftes
Whisky über die Wunden, um sie zu desinfizieren.
Leider haben wir keine sterilen Nadeln mitgenommen,
und so vermeide ich es zum Arzt zu gehen. Bei der nächsten
Reise werde ich aber sicher daran denken. Wir bleiben
insgesamt vier Tage in Goa. Dann geht es weiter nach
Kalkutta.
Kalkutta
Als wir gegen 22°° Uhr in Kalkutta ankommen,
können wir es kaum glauben: die Hotels
scheinen restlos ausgebucht zu sein.
Auch Geschäftsleute sieht
man nach freien Zimmern suchen. Wer hier noch eine Unterkunft
für die Nacht haben möchte, muß schon
zu höheren Preisklassen greifen: für 2.000
Rs finden wir schließlich doch noch eine Unterkunft
– diesmal mit einigem Komfort wie Minibar, TV und Telefon.
Am nächsten Morgen haben wir nicht viel Zeit.
Wir sehen uns die Howrath-Bridge, das Queen
Victoria Memorial und die Kathedrale an.
Wenn es auch einige schöne Ecken gibt, so ist
Kalkutta für uns eine ausgeprägt häßliche
Stadt. Die Fülle an Menschen, die Abgase, der Abfall,
der Dreck und die Armut scheinen die Stadt geradezu
zu ersticken. Für uns ist Kalkutta ein Zwischenstop,
um nach Bhubaneshwar zu fliegen.
So
holen wir gegen Mittag unser Gepäck
aus dem Hotel und fahren zum Flughafen. Die Flugreise
dauert etwa eine Stunde, und wir landen in Bhubaneshwar,
der Hauptstadt des angeblich ärmsten Bundesstaates
Indiens.
Puri - Bubaneshwar

Mit einem Taxi fahren wir in das
60 km entfernte Puri, wo wir die nächsten
4 Tage verbringen werden. Puri ist ebenfalls eine der
sieben heiligen Städte Indiens und damit eines
der größten Pilgerzentren. Allerdings wollen
wir uns diesmal nicht nur Tempelanlagen ansehen. Uns
interessiert vor allem die Mentalität der Menschen.
Als deutscher Tourist fallen einem in Indien wahrscheinlich
immer die gleichen Dinge auf: fast alle Inder tragen
einen Schnauzbart; wenn sie “ja” sagen, neigen sie den
Kopf von recht nach links, sie stoßen lautstark
und ungeniert auf, spucken auf den Boden und hocken
sich an den Straßenrand, um kleine oder große
Geschäfte zu erledigen. Zugegeben, das sind auch
unsere ersten Eindrücke gewesen. Jetzt möchten
wir die Menschen wirklich kennenlernen. Und zwar die
Menschen, die mit dem Tourismus normalerweise nicht
in Kontakt kommen. Wir müssen also wieder aufs
Land.
Mein
Reisefreund liegt für die
folgenden Tage leider im Bett, da er dem großen
indischen Küchenangebot nicht widerstehen konnte.
So leihe ich mir also alleine eine Vespa und mache mich
auf den Weg. Erst einmal heraus aus der Stadt und dann
nach vielleicht 10 km rechts in einen Feldweg abbiegen.
So war der Tip eines Deutschen, der schon seit einigen
Jahren in Puri wohnt. Er sagte “wenn du pures Indien
erleben möchtest, dann fahre einen dieser Feldwege
– du wirst durch Dörfer kommen, von denen du glaubst,
daß die Menschen noch nie einen Weißen gesehen
haben”. Dieser Tip hielt, was er versprach! Ich komme
durch über 20 Dörfer. Die Menschen sind eher
zurückhaltend, fast mißtrauisch. Feldarbeiter
zeigen ihre Machete so deutlich, als wollten sie sagen
“Vorsicht, komm uns nicht zu nahe”. Doch jedesmal, wenn
ich anhalte, versammeln sich so viele Kinder um mich
herum, daß ich kaum wieder loskomme. Diese Menschen
sind anders als die, die wir in den Städten kennengelernt
haben. Als ein Fakier für seine Show von mir 200
Rs verlangt, werden die Dorfbewohner sogar so böse,
daß sie ihn aus dem Dorf treiben. Ich kann das
kaum glauben - etwa 40 km von der Hauptstraße
entfernt, treffe ich zum ersten mal auf Menschen, die
mich nicht nach meinem Geld fragen. Am liebsten würde
ich hier einige Tage bleiben. Ich frage mich, wo hier
die Armut ist; ich bin im angeblich ärmsten Land
Indiens. Sicher, diese Menschen sind arm, aber an Hunger
scheinen sie nicht zu leiden. Viele Male hinterher bekomme
ich erklärt, daß es Hungerarmut fast nur
noch bei katastrophenbedingten Ernteausfällen gibt;
hier hingegen seien die Menschen zwar arm, sie hätten
aber zu essen, anders als noch vor etwa 15 Jahren. Ich
verschenke mitgebrachte Schwimmbälle an die Kinder
und fahre langsam wieder zurück. An den kommenden
Tagen mache ich noch mehrere solcher Fahrten, die mich
jedesmal aufs Neue sehr bewegen.
In Puri selbst werden wir zwei Tage später zu
einer Priesterweihe eingeladen. Der gerade
mal 11-jährige "Anwärter" gehört
zu den Brahmins, der höchsten Kaste im hinduistischen
Kastensystem. Für ihn ist es eine große Ehre,
den Berufsweg seines Vaters einschlagen zu können.
Seine Familie ist sehr aufgeschlossen, und so habe ich
die Möglichkeit einige Fragen zu stellen, die sich
bei mir im Laufe unserer Reise angesammelt haben. So
berichtet mir der Onkel des Geweihten z.B. von dem Vorhaben,
Puri noch in diesem Jahr an das Internet heranzubringen,
ein sicherlich interessantes Unternehmen, wenn man bedenkt,
daß hier fast täglich für mehrere Stunden
der Strom ausfällt.
Varanasi
Auf unserem Flug nach Varanasi haben
wir einen Tag Aufenthalt in Delhi, der Hauptstadt Indiens.
Wir können nur wenig von der 8 Mio.-Stadt sehen.
Allerdings präsentiert sich uns das Regierungsviertel
mit Palast und Parlament an der Raj Path Prachtstraße bei
strahlendem Sonnenschein in den schönsten Farben.
Auch die nahegelegene Sikh-Moschee ist beeindruckend,
zumal unser Rickshaw-Fahrer selbst dieser Religion angehört
und uns eine Menge darüber erzählt. Wir übernachten
im YMCA und fliegen am nächsten Morgen nach Varanasi
weiter.
Varanasi gehört wahrscheinlich zu den beeindruckendsten
Städten Indiens überhaupt. Nicht
nur, daß sie am heiligen Ganges liegt und für
Hindus die Pilgerstadt schlechthin ist;
sie ist auch das Zentrum für Zivilisation und Bildung.
Die heilige Stadt ist über 2500 Jahre alt und
wird auch die “Ewige Stadt” genannt.
Als wir ankommen, werden wir von Kindern auf der Straße
abgefangen (Schepper), die keine Ruhe mehr geben, bis
sie uns in irgendein Hotel geführt haben. Immerhin
erhalten sie von den Hotels etwa 25% der ersten Nacht
als Provision. Da ist zu verstehen, daß alles
daran gesetzt wird, jeden Touristen bis ins Hotel zu
begleiten. In dieser Stadt wird von Gaunern sogar die
eigene Religion zu Geld gemacht. Sie weihen z.B. in
aufwendigen Zeremonien einen gespannten Touristen und
erbitten anschließend eine Spende von 50 Dollar
“für die Götter”, die aber schnell in der
eigenen Tasche verschwindet.
Unser Hotel liegt direkt am Ganges, mit
Ausblick über die gesamten Ghats - so nennt man
die Stufen, die zum Ganges führen. Man hat das
Gefühl, als läge etwas Okkultistisches oder
Geheimnisvolles in der Luft, eine Atmosphäre, die
Respekt einflößt. In diese Stadt reisen
alte Menschen, um hier zu sterben und im heiligen Ganges
auf dem direktesten Weg in den Himmel zu gelangen.
Hier
lassen sich Hindus nach dem Tod an den sog. “burning
ghats” verbrennen; auch werden täglich
Leichen ins Wasser gelegt, die dann den Ganges hinab
treiben; für sie war das Brennholz zu teuer. Es
ist das gleiche Wasser, mit dem sich jeden Morgen Tausende
von Pilgern den Körper waschen, die Zähne
putzen und in dem sie schwimmen. Man sieht sie Yoga
praktizieren, in der Lotusposition meditieren oder Shiva
anbeten. Leprakranke sitzen an den Stufen und betteln.
Man hat das Gefühl, als käme hier ganz Indien
in Leib und Seele zusammen; dies ist für uns Indien
pur.
Am kommenden Morgen stehen wir schon um 4:30 Uhr auf.
Auch die Bootsbesitzer sind schon wach, in der Hoffnung
ja keinen Touristen zu übersehen. “H‘lo my frriend,
y‘ want boat rride? V‘rry beaut‘ful!”, so heißt
es alle 20 Meter. Wir handeln einen Preis aus und werden
für 1 ½ Stunden den Ganges hinauf und wieder
hinab gerudert. Ab 6 Uhr bedecken die ersten Sonnenstrahlen
die langsam erwachenden Ghats mit einem warmen Glanz.
Gläubige Hindus waschen sich und beten im oder
am Wasser. Frauen sieht man nur verdeckt in den hinteren
Ecken. Zum ersten mal komme ich mir in Indien unbeobachtet
vor. Auf der anderen Seite ist es ein seltsames Gefühl,
Gläubige bei ihrer morgendlichen Wäsche zu
beobachten. Ich werde diese Bilder ganz sicher nicht
mehr vergessen. Wir bleiben noch zwei Tage in Varanasi
und fliegen dann nach Bombay zurück.
Bombay
Bombay (Mumbai)
ist uns in sehr häßlicher Erinnerung geblieben, doch wir
sollen nun sehr viel schönere Seiten kennenlernen.
Es gibt ausgefallene Märkte wie den Crawfort
Market oder den Chor Bazar - der "Markt der Diebe".
Hier kann man so ziemlich alles kaufen wonach einem beliebt.
Wir nutzen die Gelegenheit
und erhandeln an den kommenden Tagen alle die Dinge,
die wir bisher nicht tragen wollten.
Ein letztes Highlight ist ein Kinobesuch:
der Film “Virasat” wird zwar nur in Hindi gezeigt, aber
bei einer indischen Filmproduktion von
etwa 1000 Filmen im Jahr soll er einer der Top 10 sein.
Er übertrifft tatsächlich bei weitem alle Vorstellungen,
die wir uns von indischen Filmen gemacht haben.
Am 7. Juli fliegen wir nach Deutschland zurück, überwältigt
von den gesammelten Eindrücken, die es erst einmal
zu verarbeiten gilt. In so kurzer Zeit hätten wir
wahrscheinlich kaum mehr erleben können. Wir werden
wiederkommen, das nächste mal aber mit mehr Zeit. |