Reisebericht 1999

Bombay - Bangalore - Madurai - Madras - Goa - Delhi - Bubaneshwar - Puri - Kalkutta - Varanasi 

14. Juni Air India: Es ist kurz nach 4 Uhr nachts und wir starten von unserer Zwischenlandung in Delhi nach Bombay, dem Ausgangspunkt unserer Indienreise. Einen groben Reiseplan haben wir bereits. Es soll vor allem eine Reise werden, die uns das Land näher bringt, die Kultur, die Mentalität und das Leben der Menschen. Für dieses Vorhaben bleiben uns 23 Tage Zeit. In Bombay angekommen, erklärt uns ein mitgereister Inder überraschend, dass der erwartete Monsunregen im Süden des Landes noch nicht ausgebrochen sei. Wir ändern kurzentschlossen unsere Pläne und wollen noch am gleichen Tag nach Süden weiter fliegen. Zuvor müssen wir allerdings vom “International Airport” zum “National Airport” kommen, womit das erste Abenteuer beginnt:
Kaum haben wir das Flughafengebäude verlassen, da stürmt auch schon eine Schar von Taxifahrern auf uns zu. Sie reden laut auf uns ein, wollen uns das Gepäck aus der Hand nehmen und fragen uns unentwegt nach unserem Ziel: "come with me...I know good hotel, my friend!". Uns ist das nicht ganz geheuer und so beschließen wir, mit dem Bus zu fahren.
Es ist erst 6 Uhr morgens und trotzdem ist die Luft drückend heiß. Um unsere Beine herum schwirren schon die ersten Mosquitos, was in uns instinktiv den Gedanken an Malaria aufkommen läßt. Um unsere Beine herum schwirren schon die ersten Mosquitos, was in uns den Gedanken an Malaria aufkommen läßt. Auf dem Weg zum National Airport fahren wir durch einen der größten Slums von ganz Asien. Am Straßenrand liegen Menschenleichen und tote Hunde und rechts und links von uns gibt es eine scheinbar unendliche Weite an vermoderten Blech-, Stoff- und Holzhütten. Überall bedeckt eine stinkende Masse aus Schlamm und Abfall die Straßen.

Ist das Indien? Ist es das, was die nächsten Wochen auf uns zukommt? Sicher, uns war klar, dass wir Elend sehen werden; aber das, was wir hier erleben, verschlägt uns die Sprache. Dies hier ist mit Abstand das schlimmste Elend, das ich je gesehen habe. Es zeigt gleichzeitig, in welchem ungeheuren Reichtum und mit welcher selbstverständlichen Sicherheit wir in Deutschland leben. Und man wird sich dessen erst so richtig bewusst, wenn man dem übermächtigen Elend hier mit völliger Ohnmacht gegenübersteht.

 

Bangalore

Wir fliegen noch am gleichen Tag nach Bangalore weiter und zu unserer Beruhigung sieht Indien hier schon ganz anders aus. Unser englischsprachige Reiseführer, für Indien wahrscheinlich der beste auf dem Markt, empfiehlt eine Reihe von Mittelklasse-Hotels. Wir wählen eines aus und bitten eine Motor-Rickshaw, uns dorthin zu fahren. Für 600 Rs. (30 DM; 1DM = 20 Rs) bekommen wir ein sauberes Doppelzimmer mit Air Condition. Erschöpft von der Reise und den bisherigen Eindrücken, ruhen wir uns erst einmal aus. Gegen Nachmittag erkunden wir die Stadt und schicken in einem Internet-Café ein paar E-mails nach Deutschland, um unsere Ankunft zu bestätigen. Unsere Reise beginnt.
Bangalore ist eine Industriestadt. Man redet auch vom zweiten Silicon Valley der Welt, wobei hier fast doppelt so viele Programmierer beschäftigt sind, wie in Kalifornien. Zu besichtigen gibt es allerdings wenig. So nutzen wir die kommenden Tage, um unsere Indien-Route neu zu planen und uns ein wenig zu akklimatisieren.

 

Madurai

Unser nächstes Ziel ist weiter im Süden: wir wollen mit dem Nachtbus nach Madurai fahren. Abfahrtsort ist der Busbahnhof von Bangalore, ein Platz, auf dem nach unserer Schätzung weit über 200 Busse stehen. Von diesen steht aber nur bei wenigen die Destination angeschrieben und so kostet es uns eine geschlagene Stunde, bis wir schließlich den richtigen Bus nach Madurai finden.

Unsere Fahrt dauert neun Stunden, wobei alle zwei Stunden angehalten wird. Dann reißen die Fahrgäste die Fenster auf, räuspern sich und spucken was das Zeug hält. Je lauter, desto gründlicher. Hier wird auch ganz ungeniert gerülpst, was uns sehr amüsiert. Unklar ist allerdings, wie der Busfahrer den Bus unbeschädigt durch die Straßen bringt. Alle zwei Minuten wird gehupt und wenn entgegen-kommende Autos ein Licht besitzen, dann blenden sie so stark, dass man unwillkürlich langsamer fahren müßte; aber von wegen! Nun, wir legen uns besser schlafen und denken nicht weiter darüber nach. In Madurai angekommen fahren wir zum ersten mal mit einer Fahrrad-Rickshaw. Es ist schon ein seltsames Gefühl, den Fahrer "strampeln" zu sehen, während man hinten ruhig da sitzt. Uns gehen viele Gedanken durch den Kopf; wir müssen uns an Indien wohl erst gewöhnen.


Wir befinden uns in der zweitgrößten Stadt des Bundesstaates Tamil Nadu. Wichtigster Punkt dieser Stadt ist wohl der Sri Meenakshi Tempel. Er wurde 1623 erbaut und täglich besuchen ihn angeblich über 10.000 Besucher und Pilger. Vermutlich ist derzeit keine Saison, denn mehr als 500 Menschen sind heute wohl kaum hier. Mit seiner 1.000-Säulen Halle und seinen – mit unzähligen Figuren verzierten – neun Turmdächern, ist der Tempel sehr beeindruckend. Leider haben wir als Nicht-Hindus keinen Zugang zum “Innersten Heiligtum”. Erst später machen wir die Erfahrung, dass man auch diese Stellen zu sehen bekommt – allerdings wird man für diese Gefälligkeit anschließend ordentlich zur Kasse gebeten.
Am nächsten Tag wollen wir den Sonnenaufgang über dem Sri-Meenakshi-Tempel sehen. Wir haben Glück. Ein Hotel gestattet uns, vom Dach aus Aufnahmen zu machen. Nach diesen beeindruckenden Bildern reisen wir mit einer indischen Gruppe in das 120 km entfernte Kodaikanal, das etwa 2.500 Meter hoch liegt und unserer Vegetation in Deutschland sehr ähnelt. Hier kann man Tiermuseen seltener Arten besuchen, Aussichten genießen oder sich ein Ruderboot mieten. Der Ort ist sehr touristisch organisiert und so sind wir froh, als wir abends wieder in Madurai ankommen.

 

Madras

Als wir am kommenden Morgen zum Flughafen fahren, erklärt man uns, dass die Maschine nach Madras erst um 17 Uhr fliegen würde. Wir entschließen uns zu einem Fußmarsch, um die Gegend zu erkunden. Wir befinden uns eine gute halbe Autostunde von Madurai entfernt in der Steppe. Ein hoher Fels in der Gegend zeigt uns ein Ziel für unsere Wanderung. Dabei stellt sich bald heraus, dass unsere Schätzung von 3 km auf gute 10 km Entfernung korrigiert werden muss. Dennoch, der Weg lohnt sich. Zum ersten mal fernab vom Tourismus treffen wir auf Menschen aus Dörfern. Sie sind anfangs eher mißtrauisch, doch nach wenigen Minuten kommen Kinder hervor und begrüßen uns. Es dauert nicht lange, bis das ganze Dorf versammelt ist und wir werden kaum noch losgelassen. Autos können hier keine fahren und das erscheint uns angenehm. Allerdings ist unser Rückweg so beschwerlich, dass ich einen Sonnenstich bekomme. Unser Wasser reicht nicht mehr aus und die letzten zwei km schwitze und friere ich gleichzeitig bei 45 Grad im Schatten. Ich glaube, dass ich in meinem Leben noch nie so durstig war. Eine Abkürzung verhindert schließlich das Schlimmste. Am Flughafen angekommen, hat unser Flug weitere 4 Stunden Verspätung und so können wir noch einen einmalig schönen Sonnenuntergang über der freien Savanne erleben.
Die Indian Airlines bereitet uns kein Vergnügen. Nicht, dass die Piloten irgendwie anders fliegen als bei uns, oder dass unter dem Sitz die Schwimmweste fehlt. Nein, vielmehr hat inzwischen der Monsun eingesetzt, der sehr starke Turbulenzen hervorruft. Makaber ist auch, dass wir bei drei der folgenden Flüge im Flugzeug lesen, dass am Tag zuvor gerade eine Maschine abgestürzt ist. Unsere Airline soll aber noch zu den sichereren zählen.

Madras vermittelt uns als erste Stadt den Eindruck einer Großstadt. Überall sieht man Hochhäuser, Hotels, Geschäfte, große und breite Straßen. Als viert größte Stadt Indiens hat Madras fast 6 Millionen Einwohner. Dabei wird im Reiseführer angemerkt, dass man bei allen Angaben fast das Doppelte veranschlagen kann.

In Madras mieten wir uns einen Wagen. Nein, ganz richtig ist das nicht: Autos darf man nämlich nicht einfach selbst fahren. Einen Chauffeur muß man schon dazu mieten. Erstaunlich ist allerdings der Preis: für 200 km, Benzin und Chauffeur bezahlen wir gerade mal 1.000 Rs. Unsere Tour führt uns nach Süden, ins 60 km entfernte Kanchipuram und nach Mamallapuram, zwei Tempelorte von außerordentlicher Bedeutung. Ausgesprochen werden diese Orte, als hätten sie keine Vokale – eben “indglisch”, was wir eigentlich nur mit zunehmender Gewöhnung verstehen.
Kanchipuram zählt zu den Sieben Heiligen Städten Indiens und hat heute noch über 150 Tempelanlagen. Wir schauen uns den Sri Ekambaranthar Tempel an, der Shiva - dem Gott der Zerstörung - geweiht ist. Hierher kommen Pilger aus ganz Indien, um ihm Opfergaben zu bringen und sich zu reinigen. Sie waschen sich und ihre Kleider im Tempelbecken, als Zeichen der Reinheit scheren sich einige sogar ihren Kopf.
Nach einer Stunde fahren wir weiter nach Mamallapuram. Inmitten vieler Palmen, besitzt dieser Ort noch fast 70 – mit feinen Skulpturen bearbeitete – Monolithen.
Für heute haben wir genug Tempelanlagen gesehen und zum großen Erstaunen unseres Fahrers bitten wir ihn, uns für ein paar Stunden an den Strand zu fahren.

 

Goa

Ein Hotel lädt uns ein, den fast menschenleeren Strand zu benutzen und so verbringen wir den Rest des Tages mit Wasser, Sand und Einheimischen. Eine richtige Erholung nach den vielen Eindrücken der letzten Tage.
Unser nächstes Ziel ist Goa. Die ehemalig portugiesische Kolonie liegt an der Westküste Indiens und man sagt, hier gebe es die schönsten Strände. Auch uns erscheint der Strand schöner als der, den wir zuvor bei Madras kennengelernt haben. Andererseits ist die See hier durch den Monsun so stark aufgewühlt, dass das Baden wegen der hohen Wellen gefährlich wird.

Wir mieten uns eine Vespa und fahren landeinwärts. Hier haben wir an den kommenden Tagen Glück mit dem Wetter und erleben eine exotisch abwechslungsreiche Landschaft. Neben Viehherden, Reisfeldern und Anglern sehen wir auch wilde Tiere wie Schlangen und Affen. In einem Dorf werden wir sogar von einem Einheimischen nach Hause eingeladen.
Die Inder fahren für unseren Geschmack recht chaotisch. Obwohl wir uns im Klaren darüber sind und unser Reiseführer davor warnt, habe ich nach 70 km Fahrt einen Unfall. Glück im Unglück: Die rechte Schulter ist nur leicht aufgerissen und meine Hände haben ein paar Schürfwunden. Im Dorf ist man sichtlich besorgt und sofort hilfsbereit. Von den zusammengekommenen Dorfbewohnern gibt mir die Besitzerin eines Alkoholgeschäftes Whisky über die Wunden, um sie zu desinfizieren. Leider haben wir keine sterilen Nadeln mitgenommen, und deshalb vermeide ich es zum Arzt zu gehen. Bei der nächsten Reise werde ich aber sicher daran denken. Wir bleiben insgesamt vier Tage in Goa. Dann geht es weiter nach Kalkutta.

 

Kalkutta

Als wir gegen 22 Uhr in Kalkutta ankommen, können wir es kaum glauben: die Hotels scheinen restlos ausgebucht zu sein.
Auch Geschäftsleute sieht man nach freien Zimmern suchen. Wer hier noch eine Unterkunft für die Nacht haben möchte, muss schon zu höheren Preisklassen greifen: für 2.000 Rs finden wir schließlich doch noch eine Unterkunft – diesmal mit einigem Komfort wie Minibar, TV und Telefon.
Am nächsten Morgen haben wir nicht viel Zeit. Wir sehen uns die Howrath-Bridge, das Queen Victoria Memorial und die Kathedrale an. Wenn es auch einige schöne Ecken gibt, so ist Kalkutta für uns eine ausgeprägt häßliche Stadt. Die Fülle an Menschen, die Abgase, der Abfall, der Dreck und die Armut scheinen die Stadt geradezu zu ersticken. Für uns ist Kalkutta ein Zwischenstop um weiter nach Bhubaneshwar zu fliegen.

So holen wir gegen Mittag unser Gepäck aus dem Hotel und fahren zum Flughafen. Die Flugreise dauert etwa eine Stunde und wir landen in Bhubaneshwar, der Hauptstadt des angeblich ärmsten Bundesstaates Indiens.

 

Puri - Bubaneshwar


Mit einem Taxi fahren wir in das 60 km entfernte Puri, wo wir die nächsten 4 Tage verbringen werden. Puri ist ebenfalls eine der sieben heiligen Städte Indiens und damit eines der größten Pilgerzentren. Allerdings wollen wir uns diesmal nicht nur Tempelanlagen ansehen. Uns interessiert vor allem die Mentalität der Menschen. Als deutscher Tourist fallen einem in Indien wahrscheinlich immer die gleichen Dinge auf: fast alle Inder tragen einen Schnauzbart; wenn sie “ja” sagen, neigen sie den Kopf von rechts nach links, sie stoßen lautstark und ungeniert auf, spucken auf den Boden und hocken sich an den Straßenrand, um kleine oder große Geschäfte zu erledigen. Zugegeben, das sind auch unsere ersten Eindrücke gewesen. Jetzt möchten wir die Menschen wirklich kennenlernen. Und zwar die Menschen, die mit dem Tourismus normalerweise nicht in Kontakt kommen. Wir müssen also wieder aufs Land.

Mein Reisefreund liegt für die folgenden Tage leider im Bett, da er dem großen indischen Küchenangebot nicht widerstehen konnte. So leihe ich mir also alleine eine Vespa und mache mich auf den Weg. Erst einmal heraus aus der Stadt und dann nach vielleicht 10 km rechts in einen Feldweg abbiegen. So war der Tipp eines Deutschen, der schon seit einigen Jahren in Puri wohnt. Er sagte “wenn du pures Indien erleben möchtest, dann fahre einen dieser Feldwege – du wirst durch Dörfer kommen, von denen du glaubst, dass die Menschen noch nie einen Weißen gesehen haben”. Dieser Tipp hielt, was er versprach! Ich komme durch über 20 Dörfer. Die Menschen sind eher zurückhaltend, fast misstrauisch. Feldarbeiter zeigen ihre Machete so deutlich, als wollten sie sagen “Vorsicht, komm uns nicht zu nahe”. Doch jedesmal wenn ich anhalte, versammeln sich so viele Kinder um mich herum, dass ich kaum wieder loskomme. Diese Menschen sind anders als die, die wir in den Städten kennengelernt haben. Als ein Fakier für seine Show von mir 200 Rs verlangt, werden die Dorfbewohner sogar so böse, dass sie ihn aus dem Dorf treiben. Ich kann das kaum glauben - etwa 40 km von der Hauptstraße entfernt, treffe ich zum ersten mal auf Menschen, die mich nicht nach meinem Geld fragen. Am liebsten würde ich hier einige Tage bleiben. Ich frage mich, wo hier die Armut ist; ich bin im angeblich ärmsten Land Indiens. Sicher, diese Menschen sind arm, aber an Hunger scheinen sie nicht zu leiden. Viele Male hinterher bekomme ich erklärt, dass es Hungerarmut fast nur noch bei katastrophenbedingten Ernteausfällen gibt; hier hingegen seien die Menschen zwar arm, sie hätten aber zu essen, anders als noch vor etwa 15 Jahren. Ich verschenke mitgebrachte Schwimmbälle an die Kinder und fahre langsam wieder zurück. An den kommenden Tagen mache ich noch mehrere solcher Fahrten, die mich jedesmal aufs Neue sehr bewegen.
In Puri selbst werden wir zwei Tage später zu einer Priesterweihe eingeladen. Der gerade mal 11-jährige "Anwärter" gehört zu den Brahmins, der höchsten Kaste im hinduistischen Kastensystem. Für ihn ist es eine große Ehre, den Berufsweg seines Vaters einschlagen zu können. Seine Familie ist sehr aufgeschlossen und so habe ich die Möglichkeit, einige Fragen zu stellen, die sich bei mir im Laufe unserer Reise angesammelt haben. So berichtet mir der Onkel des Geweihten z.B. von dem Vorhaben, Puri noch in diesem Jahr an das Internet heranzubringen, ein sicherlich interessantes Unternehmen, wenn man bedenkt, dass hier fast täglich für mehrere Stunden der Strom ausfällt.

 

Varanasi

Auf unserem Flug nach Varanasi haben wir einen Tag Aufenthalt in Delhi, der Hauptstadt Indiens. Wir können nur wenig von der 8 Millionen Stadt sehen. Allerdings präsentiert sich uns das Regierungsviertel mit Palast und Parlament an der Raj Path Prachtstraße bei strahlendem Sonnenschein in den schönsten Farben. Auch die nahegelegene Sikh-Moschee ist beeindruckend, zumal unser Rickshaw-Fahrer selbst dieser Religion angehört und uns eine Menge darüber erzählt. Wir übernachten im YMCA und fliegen am nächsten Morgen nach Varanasi weiter.
Varanasi gehört wahrscheinlich zu den beeindruckendsten Städten Indiens überhaupt. Nicht nur, dass sie am heiligen Ganges liegt und für Hindus die Pilgerstadt schlechthin ist; sie ist auch das Zentrum für Zivilisation und Bildung. Die heilige Stadt ist über 2500 Jahre alt und wird auch die “Ewige Stadt” genannt.
Als wir ankommen, werden wir von Kindern auf der Straße abgefangen (Schlepper), die keine Ruhe mehr geben, bis sie uns in irgendein Hotel geführt haben. Immerhin erhalten sie von den Hotels etwa 25% der ersten Nacht als Provision. Da ist es zu verstehen, dass alles daran gesetzt wird, jeden Touristen bis ins Hotel zu begleiten. In dieser Stadt wird von Gaunern sogar die eigene Religion zu Geld gemacht. Sie weihen z.B. in aufwendigen Zeremonien einen gespannten Touristen und erbitten anschließend eine Spende von 50 Dollar “für die Götter”, die aber schnell in der eigenen Tasche verschwinden.
Unser Hotel liegt direkt am Ganges, mit Ausblick über die gesamten Ghats - so nennt man die Stufen, die zum Ganges führen. Man hat das Gefühl, als läge etwas Okkultistisches oder Geheimnisvolles in der Luft, eine Atmosphäre, die Respekt einflößt. In diese Stadt reisen alte Menschen, um hier zu sterben und im heiligen Ganges auf dem direktesten Weg in den Himmel zu gelangen. Hier lassen sich Hindus nach dem Tod an den “burning ghats” verbrennen; auch werden täglich Leichen ins Wasser gelegt, die dann den Ganges hinab treiben; für sie war das Brennholz zu teuer. Es ist das gleiche Wasser, mit dem sich jeden Morgen Tausende von Pilgern den Körper waschen, die Zähne putzen und in dem sie schwimmen. Man sieht sie Yoga praktizieren, im Lotussitz meditieren oder Shiva anbeten. Leprakranke sitzen an den Stufen und betteln. Man hat das Gefühl, als käme hier ganz Indien in Leib und Seele zusammen; dies ist für uns Indien pur.
Am kommenden Morgen stehen wir schon um 4:30 Uhr auf. Auch die Bootsbesitzer sind schon wach, in der Hoffnung ja keinen Touristen zu übersehen. “H‘lo my frriend, y‘ want boat rride? V‘rry beaut‘ful!”, so heißt es alle 20 Meter. Wir handeln einen Preis aus und werden für 1 ½ Stunden den Ganges hinauf und wieder hinab gerudert. Ab 6 Uhr bedecken die ersten Sonnenstrahlen die langsam erwachenden Ghats mit einem warmen Glanz. Gläubige Hindus waschen sich und beten im oder am Wasser. Frauen sieht man nur verdeckt in den hinteren Ecken. Zum ersten mal komme ich mir in Indien unbeobachtet vor. Auf der anderen Seite ist es ein seltsames Gefühl, Gläubige bei ihrer morgendlichen Wäsche zu beobachten. Ich werde diese Bilder ganz sicher nicht mehr vergessen. Wir bleiben noch zwei Tage in Varanasi und fliegen dann nach Bombay zurück.

 

Bombay


Bombay (Mumbai) ist uns in sehr unangenehmer Erinnerung geblieben, doch wir sollten nun sehr viel schönere Seiten kennenlernen. Es gibt ausgefallene Märkte wie den Crawfort Market oder den Chor Bazar - der "Markt der Diebe". Hier kann man so ziemlich alles kaufen wonach einem beliebt. Wir nutzen die Gelegenheit und erhandeln an den kommenden Tagen alle die Dinge, die wir bisher nicht tragen wollten.
Ein letztes Highlight ist ein Kinobesuch: der Film “Virasat” wird zwar nur in Hindi gezeigt, aber bei einer indischen Filmproduktion von etwa 1000 Filmen im Jahr soll er einer der Top 10 sein. Er übertrifft tatsächlich bei weitem alle Vorstellungen, die wir uns von indischen Filmen gemacht haben.
Am 7. Juli fliegen wir nach Deutschland zurück, überwältigt von den gesammelten Eindrücken, die es erst einmal zu verarbeiten gilt. In so kurzer Zeit hätten wir wahrscheinlich kaum mehr erleben können. Wir werden wiederkommen, das nächste mal aber mit mehr Zeit.